Gangroboter sorgt für „Motivationsschub“

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Wie sich ein besonderes Gehtraining mit spastisch gelähmten Kindern auf deren Einschränkungen auswirkt, dem wird seit fast zwei Jahren bei einem deutschlandweit einzigartigen Forschungsprojekt in der Klinik für Manuelle Therapie Hamm (kurz: KMT Hamm) auf den Grund gegangen. Im Interview mit unserer Zeitung berichtet Physiotherapeut Fabian Moll, der seit Dezember 2019 für die Durchführung der von der Medaljon-Stiftung aus Werne maßgeblich finanzierten Studie verantwortlich ist, von ersten Erkenntnissen und dem bisherigen Verlauf des Projektes.

Was macht das von Ihnen begleitete Forschungsprojekt so besonders?

Fabian Moll: „Durch die Studie wollen wir an der KMT herausfinden, inwieweit Kinder mit Zerebralparase durch moderne Therapieansätze profitieren können. Hierfür nutzen wir einen Gangroboter, der verschiedene Bewegungen der Knie- und Hüftgelenke unterstützt. In Deutschland ist dieses Gangtraining für Kinder mit Zerebralparese mit dem sogenannten HAL Exoskelett einzigartig.“

Was genau verbirgt sich hinter einer Zerebralparaese?

Fabian Moll: „Bei der Zerebralparese handelt es sich um ein neurologisches Krankheitsbild. Der Auslöser ist in vielen Fällen eine Sauerstoffunterversorgung des Kindes vor, während oder nach der Geburt. Dies führt zu einem breit gefächerten Beschwerdebild. Kennzeichnend für das Krankheitsbild ist die sogenannte Spastik oder auch spastische Lähmung. Wenn die Patienten gehen können, dann oft sehr eingeschränkt und beschwerlich. Die eingeschränkte Mobilität hat dann sehr deutliche Einschränkungen im Alltag zu Folge. Die Patienten weisen oft Begleiterkrankungen, wie zum Beispiel Epilepsie oder auch Verdauungsstörungen auf. So entsteht auf Dauer eine höhere Pflegebedürftigkeit, die Teilhabe am Alltag ist extrem eingeschränkt und auch eine ansonsten mögliche Arbeitsfähigkeit.“

Was passiert genau im Rahmen der Studie?

Fabian Moll: „Das Exoskelett wird von außen angebracht. Am ehesten kann man es sich wie eine Roboterhose vorstellen. Elektromotoren an den Knie- und Hüftgelenken können dann entsprechend eine Bewegung unterstützen. Grundlegend ist wichtig, dass die Kinder schon eine gewisse Fähigkeit haben müssen, Muskeln anzusteuern. Dieses Anspannen der Muskeln für die Bewegung wird dann über Hautelektroden gemessen und dann durch den Roboter zu einer vollen Bewegung unterstützt. Die Unterstützung kann individuell eingestellt werden und soll erstmal ein leichtes Bewegen ermöglichen. Je leichter uns Menschen das Bewegen fällt, umso leichter können Lernschritte gemacht werden. Das kennen wir von uns ja auch. Ist das Kind mit dem Roboter ausgestattet, können Einzelbewegungen wie eine Knie- oder Hüftstreckung geübt werden oder auch das Gehen auf dem Laufband. Die Probanden absolvieren während ihres zweiwöchigen Klinikaufenthaltes zusätzlich zur normalen Therapie sechs je zwanzigminütige Einheiten mit dem HAL-System. Zusätzlich gibt es eine Kontrollgruppe, die wie bisher im Rahmen des Therapiekonzeptes der KMT therapiert wird. Im April 2021 haben wir eine dritte Gruppe der über 18-Jährigen der Studie hinzugefügt. Hier geht es darum festzustellen, inwieweit auch ältere Patienten, die laut Studienlage motorisch nur noch wenig, bis keine motorische Entwicklungsfortschritte zeigen, vom Gangtraining profitieren können.“

Gibt es zusammenfassend bereits erste Erkenntnisse?

Fabian Moll: „Vorbehaltlich der statistischen Analyse der Ergebnisse können wir jetzt schon einiges sagen. Zum einen ist so ein Training gut und sicher durchführbar, auch mit Kindern, die Mehrfachbehinderungen haben. Auch bei kognitiven Einschränkungen. Kein Patient hat sich in den vergangenen zwei Jahren unwohl im Gangroboter gefühlt. Alle Patienten haben einen Motivationsschub erhalten. Wir sollten nie vergessen, dass es sich ja um Kinder handelt, die normalweise seit ihrer Geburt in Therapie sind. Das Selbstbewusstsein bei den Kindern ist gestiegen. Motorisch sehen wir, dass oft die Gelenke der unteren Extremitäten beweglicher werden, und Ausdauer sowie Gehgeschwindigkeit gesteigert werden. Auch im Grobmotoriktest zeigen sich Verbesserungen. Die Steh- und Gehfähigkeit verbessert sich. Eine statistische Analyse nach Beendigung der Datenerhebung der Studie wird konkretere Ergebnisse darstellen. Spannend wäre dann auch nochmal zu untersuchen, wie das Gelernte langfristig in den Alltag übernommen werden kann und was gegebenenfalls weitere Trainings zu einem späteren Zeitpunkt bewirken würden. Da gibt es jetzt viele Möglichkeiten, weitere Fragestellungen für eine fortgesetzte Forschung zu finden. Doch jetzt schließen wir erst einmal die Studie ab, die für eine erste Form schon sehr umfassend angelegt ist.“

In diesen nun fast zwei Jahren: Was war der schönste Moment und was der Schwierigste aus Ihrer Sicht?

Fabian Moll: „Wir sprechen über Patienten, die mehrfach behindert und schon sehr therapieerfahren sind. Die Dankbarkeit zu sehen, wenn ich den Kindern auf Augenhöhe begegnen kann und sie einfach mal machen dürfen. Zu sehen, wie sie reagieren und erkennen: „Hey, da will mir jemand helfen. Egal wie viel oder wenig ich gerade kann.“ Das ist toll. Schwierig sind dann die Momente, in denen ich Kinder aufgrund beispielsweise der Körpergröße nicht in die Interventionsgruppe aufnehmen kann - auch wenn ich weiß, dass die Eltern beispielsweise große Hoffnung in neue Therapien setzen. Das Thema Gehen und nicht Gehen können ist sehr groß. Davon hängt viel im umgebenden Alltag aber auch persönlich für das Kind ab.“

Das Forschungsprojekt befindet sich nun auf der Zielgeraden. Sie selbst promovieren als Physiotherapeut an der KMT. Wie geht es nun mit der Forschung und für Sie ganz persönlich weiter?

Fabian Moll: „Das muss man tatsächlich hervorheben. Als Physiotherapeut gibt es in Deutschland nur wenig Möglichkeiten, in dieser Form zu forschen und dann auch noch zu promovieren. Dafür bin ich dem Haus dankbar und natürlich auch der Medaljon-Stiftung, die die Studie ja maßgeblich finanziert. Meine Doktorarbeit wird sich mit der HAL-Studie beschäftigen, für die wir aktuell die letzten Daten erheben. Wie das so ist, schwirren mir als klinischem Forscher schon wieder ein Dutzend neuer Möglichkeiten für Forschungsansätze im Kopf herum. Denkbar wäre etwa auch, andere, kleine Exoskelett-Systeme einzusetzen, um die Wirksamkeit für den Rücken- oder Hüftbereich bei älteren Patienten zu überprüfen. Und es gibt ja auch noch ganz andere Systeme, wie etwa VR-Brillen, die in Behandlungsformen eingebaut werden könnten. Die Grenzen und Möglichkeiten alter und neuer Therapiemethoden ausloten und diese Ressourcen zielgerichtet und sinnvoll einsetzen, das ist mir wichtig. Forschung stößt Denkprozesse an, das kritisch zu reflektieren, was wir jeden Tag mit und am Patienten durchführen. Und es soll nah am Patienten bleiben.“